Québec – Mon amour

Im August ging es endlich los! Nach Kanada, oder genauer gesagt nach Québec, der französischsprachigen Provinz Kanadas. Dass ich ein Auslandsjahr machen wollte, wusste ich schon lange bevor ich mich beworben habe, und ich konnte es kaum abwarten, aus Deutschland wegzukommen!

Über Kanada bzw. über Québec wusste ich ehrlich gesagt nicht viel bevor ich losflog, nur, dass es im Winter ziemlich kalt wird. Aber ich hatte vorher zahlreiche Berichte anderer Austauschschüler gelesen. Ich war ziemlich aufgeregt, doch ich war mir sicher, dass ich ein unglaubliches Jahr haben würde. Mit meiner kanadischen Gastfamilie hatte ich schon vorher geskypt und wir haben uns super gut verstanden. Allerdings habe ich am Anfang nicht viel vom „Québeçois“ (dem Akzent) verstanden.

Meine Gastfamilie bestand aus sechs Personen

Ich wohnte bei einer sechsköpfigen Familie in Longueuil, einem Vorort von Montréal, fast direkt am St. Lorenz Strom. Ich hatte zwei Brüder (19 und 13 Jahre alt) und zwei Schwestern (16 und 11 Jahre alt). Was mir am Anfang wirklich geholfen hat, war, dass mein älterer Gastbruder Gabriel Deutsch konnte, da er ebenfalls ein Jahr im Ausland verbracht hatte und er, immer wenn ich etwas nicht verstand oder ein Wort nicht kannte, helfen konnte und Missverständnisse aufklärte ;).

Meine gleichaltrige Gastschwester ist, während ich in Kanada war, für ein Jahr nach Spanien gegangen. Wir haben uns somit nur kurz am Anfang und am Ende meines Auslandsjahres gesehen. Dies hat uns jedoch nicht davon abgehalten, eine tolle Beziehung aufzubauen. Es war jedoch auch ein Vorteil, dass sie die Zeit in Spanien war, denn so wurde ich direkt als Familienmitglied in meine Gastfamilie integriert. Auch mit meinen Gasteltern Christine und Dominique habe ich mich super verstanden.

Für Heimweh hatte ich gar keine Zeit

In Longueuil ging ich zusammen mit meinem jüngeren Bruder auf die „école secondaire“, in die fünfte Klasse (in Deutschland entspricht das der elften Klasse). Ich konnte mich schnell in meine neue Umgebung eingewöhnen und hatte kaum Heimweh. Aber dazu hatte ich auch gar keine Zeit, denn meine Familie war sehr aktiv und hat viel mit mir unternommen! Unter der Woche hatte ich wenig Zeit, an zu Hause zu denken, denn die Schule ging jeden Tag bis 14.45 Uhr. Täglich hatte ich vier Perioden à 75 Minuten und nach der Schule ging ich meistens noch zum Schwimmtraining der Schulmannschaft „les SPHINX“. Abendessen gab es immer um genau 18.00 Uhr. Jedoch waren meine Gasteltern wirklich sehr locker im Bereich Freizeit und Freunde. Das heißt, wenn ich abends mal nicht da war, weil ich mit Freunden etwas unternommen habe, waren sie auch einverstanden. Die einzige Bedingung war, dass ich vorher Bescheid sagen musste, bei wem ich war.

Besonders schön: Ski-Wochenenden im Ferienhaus des Gastonkels

An den Wochenenden unternahmen wir entweder verschiedene Aktivitäten, oder ich konnte mich mit meinen Freunden zum Shoppen oder Sonstigem verabreden. Im Winter z.B. sind wir jedes Wochenende in das Ferienhaus meines Gastonkels im Skigebiet „Sainte Adèle“ gefahren. Das hat mir total viel Spaß gebracht und ich vermisse es sehr – sowie fast alles! Dazu muss ich sagen, dass ich vorher noch nie Ski gefahren bin und daher anfangs eine totale Niete war. An meinem ersten Ski-Tag war ich regelrecht verzweifelt und hätte am liebsten aufgeben. Doch der beste Freund meiner Gasteltern war ein super Skilehrer und nach und nach wurde ich immer besser, bis ich dann irgendwann (fast) so gut wie meine Gastgeschwister lief.

Auf der Ahorn-Plantage der Gastgroßeltern in die Geheimnisse des Ahorn-Sirups eingeweiht

Eine weitere wirklich tolle und typisch kanadische Erfahrung war die Herstellung des Ahorn-Sirups in der „Cabane à sucre“. Meine Gastgroßeltern hatten sogar eine eigene Ahorn-Plantage, was mir einen tollen Einblick in die Herstellung des Sirups gegeben hat, der im Kühlschrank eines Kanadiers nicht fehlen darf. In den Frühlingsferien habe ich also auf traditionelle Art und Weise geholfen den „Sirop d’érable“ herzustellen. Es hat mir riesigen Spaß bereitet, auch wenn es ziemlich krass war bei minus 15°C draußen im hüfthohen Schnee zu stehen und die Bäume „sirupbereit“ zu machen.

Allgemein war der Winter in Québec der kälteste, aber auch der ereignisreichste meines Lebens! Es gibt tatsächlich Tage, an denen es nicht wärmer als minus 28°C (gefühlt minus 40°C) wird, und da können auch „fünf Minuten auf den Bus warten“ zum Albtraum werden. Zum Glück habe ich dann dank meiner Gastmum das sogenannte „Yoga chaud“ (Hot Yoga) entdeckt. Das ist eine Art von Yoga, das man in einem Raum bei 42°C macht und das im Winter wirklich gut tut.

Das Ereignis des Jahres: the PROM

Und dann war da am Ende natürlich auch noch die PROM, das Ereignis des Jahres. Monate davor redeten meine Freundinnen und ich von nichts anderem mehr. Der perfekte Frisör, das Make-up und ein Kleid mussten gefunden werden. Als der Tag endlich kam, war ich ziemlich aufgeregt. Morgens stand ich auf, duschte und aß etwas. Dann fuhr ich mit meiner Gastmutter zu meinem Gastonkel und wartete dort bis ich zum Frisör musste. Bei diesem war ich dann fast zwei Stunden, denn er war auch für mein Make-up zuständig. Um 15.00 Uhr war ich dann endlich fertig und fuhr nach Hause. Dort zog ich mein Kleid an und fuhr mit meiner Gastmutter zu einer Freundin, die den Empfang bei sich gab. Dort waren wir acht Mädels mit ihren Eltern. Ich glaube, es wurden noch nie so viele Fotos wie an diesem Tag von mir gemacht. Ca. anderthalb Stunden später wurden wir dann zum Hotel gefahren, wo der eigentliche Ball stattfand. Dort haben wir gegessen, weitere Fotos geschossen und getanzt, bis ich um ca. 22.30 Uhr von meinem Bruder abgeholt wurde. Zu Hause habe ich mich dann schnell umgezogen und bin zum „après bal“ („after show party“) bei meiner Freundin gefahren. Dort wurde dann bis zum nächsten Morgen gefeiert! Alles in allem kann ich sagen, dass meine PROM typisch amerikanisch war!

Die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen ist beeindruckend

Was mich an der kanadischen Kultur wirklich sehr beeindruckt hat, ist die Offenheit der Menschen und die Freundlichkeit, der man überall begegnet. Jedes Mal, wenn ich einkaufen war, wurde ich von einer netten Verkäuferin oder einem netten Verkäufer begrüßt und gefragt wie es mir geht. Außerdem wurde ich immer freundlich angelächelt und wenn ich etwas nicht verstand und nachfragte, begegneten mir die Menschen mit einem Lächeln und waren beeindruckt, dass ich mich getraut habe, für ein Jahr von zu Hause wegzugehen. Ich konnte viel von meiner kanadischen Familie lernen, z. B. bin ich viel offener, toleranter, selbstbewusster und selbstständiger in dem Jahr geworden, was bestimmt auch daran lag, dass meine Gasteltern unter der Woche oft geschäftlich verreist und meine Geschwister und ich somit auf uns gestellt waren. Das war jedoch kein Problem und ich bin unendlich froh darüber, in genau dieser Familie gelandet zu sein! Wir haben uns von Anfang an einfach super gut verstanden und meine Gastgeschwister sind wie echte Geschwister für mich. Und auch meine kanadische Familie hat mir oft gesagt, dass ich wie eine dritte Tochter für sie bin. Der Abschied fiel nicht nur mir ziemlich schwer. Ein großer Trost war aber, dass ich weiß, dass wir uns bald wiedersehen werden! Entweder in Deutschland oder in Kanada.

Das Auslandsjahr war auf jeden Fall eine der besten Erfahrungen in meinem Leben, und ich wünsche jedem, dass er sie auch machen darf. Es ist vielleicht nicht immer einfach, aber man wächst ja bekanntlich an neuen Herausforderungen und wenn man mit einem Lächeln und Humor durch ein Auslandsjahr und das ganze Leben geht, fallen einem viele Sachen direkt sehr viel leichter! Québec- Je me souviens!

Louisa aus Lüneburg war mit ICX als Austauschschülerin in Longueuil in Québec, Kanada.