Einfach „overwhelming“!

Nachdem ich Mitte August erfuhr, dass eine Familie in Ohio für mich gefunden wurde und ich schon am darauffolgenden Tag in die USA fliegen würde, wurde es zu Hause sehr hektisch. Erst im Flieger nach New York wurde mir bewusst, dass es nun tatsächlich soweit war und ich für zehn Monate eine neue Kultur mit vorerst völlig fremden Menschen kennenlernen und für längere Zeit auf mich allein gestellt sein würde.

Nach den ersten Tagen, die ich in NYC mit einem Einführungsseminar verbracht habe, ging es weiter nach Columbus, Ohio. Meine Koordinatorin holte mich mit einem großen Plakat am Flughafen ab. Weil meine Gastfamilie noch im Urlaub war, verbrachte ich die ersten Nächte bei ihr in Dublin, einer typisch amerikanischen Vorstadt von Columbus. Ich fühlte mich superwohl und machte erste Erfahrungen mit der Cheesecake Factory, wo es Käsekuchen in unglaublich vielen Varianten gibt. Auch die ersten Pancakes und Peanutbutter & Jelly Sandwiches haben nicht gefehlt.

Die Greiwe Family, bei der ich dann mein Schuljahr verbrachte, hat zwei Kinder, zwei Hunde und eine Katze. Meine beiden Gasteltern Mark und Michelle und meine Gastgeschwister Jason (16) und Nicole (13) ließen mich von Anfang an Teil ihrer Familie sein. Ich fühlte mich auf Anhieb gut aufgehoben. Bei ihnen hatte ich mein eigenes Zimmer, und das Bad musste ich nur mit meinen Geschwistern teilen.

Riesige Auswahl an Kursen

Gleich für den ersten Abend lud mein Gastbruder seine Freunde ein, damit ich sie kennenlernen konnte. So stand ich dann in der Schule nicht ganz ohne Bekanntschaften da. Meine Schule, die Dublin Scioto High School (DSHS), war circa 15 Kilometer von dem Haus der Greiwes entfernt. Am Anfang wurde ich morgens vom Footballcoach der Schule mitgenommen, später hat uns mein Gastbruder gefahren. Die Schule hat 1.500 Schüler, was kein großer Unterschied zu meiner deutschen Schule ist. Allerdings konnte ich aus gefühlten 100.000 Kursen wählen. Besonders die Kurse Foods & Fitness, Interior Design und Broadcast & Video Production haben mir gefallen und mir Freunde mit dem gleichen Interesse beschert. Meine besten Freunde fand ich schließlich im Field Hockey Team der High School, mit dem wir leider eher erfolglos unterwegs waren, aber umso mehr Spaß hatten. Mit ihnen ging ich freitags auch zu den Footballspielen und im Herbst zum Homecoming.

Mit einer anderen Austauschschülerin, die aus Spanien kam, habe ich mich super verstanden. Zusammen mit unserer Koordinatorin Vicky haben wir vieles gemeinsam unternommen. So gingen wir auch zu verschiedenen Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen in der Gemeinde, bei denen viele Menschen interessiert auf uns zugekommen sind und uns damit zeigten, welchen hohen Stellenwert Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit in der amerikanischen Mentalität haben.

Viele Unternehmungen mit Gastfamilie 

An den Wochenenden und freien Nachmittagen hat meine Gastfamilie versucht, so viel wie möglich mit mir zu unternehmen. Wir haben Apple Picking gemacht und danach 30 Apple Pies – als Vorrat fürs ganze Jahr – gebacken. Oft war ich auch mit meiner Gastschwester Babysitten. Im Herbst waren wir auf einer Kreuzfahrt zu den Bahamas, die meine Gastmutter gewonnen hatte, auf einem Golfturnier mit Tiger Woods, in einem Vergnügungspark und bei einem College-Footballspiel. Das war so overwhelming!!! Vor dem Stadion waren hunderte von Menschen, die auf dem Parkplatz grillten und ihre Pavillons aufgestellt hatten. Das Spiel haben sie dann durch einen Fernseher im Kofferraum des Autos verfolgt. Im Stadion haben sogenannte Marching Bands und Cheerleader dafür gesorgt, dass alle gut drauf waren. Sie feuerten ihr Team ordentlich an.

An Weihnachten ging ein Traum von mir in Erfüllung. Wir verbrachten die Feiertage auf den Amerikanischen Jungferninseln (St. Thomas, Karibik). Da meine Gastmutter wusste, wie sehr ich Delfine liebe, hat sie „Swimming with the Dolphins“ organisiert. Zweieinhalb Stunden waren wir mit ihnen im Wasser, konnten mit ihnen schwimmen, plantschen und uns von ihnen ziehen oder aus dem Wasser drücken lassen. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen und auch der Rest des Urlaubs bleibt eine schöne Erinnerung, die ich mit meiner Gastfamilie teile. Dadurch wurde das doch ein bisschen vorhandene weihnachtliche Heimweh natürlich ein wenig unterdrückt.

In den Ferien hatte meine Gastmutter noch andere Trips nach Florida und North Carolina geplant. Immer durfte ich mit und hatte so die Möglichkeit, mir ein noch umfangreicheres Bild vom Land zu machen. In Florida waren wir in den Universal Studios, wo gerade die neue Harry-Potter-Achterbahn eröffnet hatte. Als meine Gastgeschwister und deren Freunde mir erzählten, dass sie nicht genau wüssten, wer Harry Potter ist, bin ich fast vom Hocker gefallen. Dass Amerikaner die bekanntesten Filme nicht kennen, kann also auch schon mal passieren.

Als mein Austauschjahr zu Ende war, stieg ich mit gemischten Gefühlen ins Flugzeug. Einerseits habe ich mich natürlich unheimlich auf meine deutsche Familie gefreut, aber andererseits war ich traurig, dass ich meine Gastfamilie, die über die zehn Monate tatsächlich zu meiner zweiten Familie geworden ist, verlassen musste.

Fasziniert von der Offenheit der Amerikaner

Das ganze Jahr über hat mich besonders die Offenheit der Menschen in den USA fasziniert. Egal wo ich war, ich wurde immer herzlich aufgenommen und freundlich behandelt. Seitdem ich wieder in Deutschland bin, merke ich, dass sich diese Charaktereigenschaft auch bei mir verstärkt zeigt. Ich bin wesentlich offener anderen Leuten gegenüber geworden und kann jetzt viel einfacher Kontakte knüpfen. Manche Sachen sind mir aber auch erst indirekt klargeworden. Zum Beispiel weiß ich jetzt, wie wichtig eigentlich meine eigene Familie ist und dass einiges nicht so selbstverständlich ist, wie es scheint. Ich nehme vieles anders als vor einem Jahr wahr, kann bestimmte Situationen besser einschätzen und mir ein eigenes Bild machen, ohne dass ich durch die Meinungen anderer beeinflusst werde.

Die Erfahrungen, die ich während meines Auslandsjahres machte, kann mir niemand nehmen. Ich bin mehr als froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Ich schaue gerne auf meine Zeit in Ohio zurück und freue mich jetzt schon darauf, meine Gastfamilie wiederzusehen!!!

Lisanne Gerritzen aus Alpen war mit ICX als Austauschschülerin in Ohio, USA.