Der Weg ist das Ziel!

Für mich ging die Reise am 11. September in Bremen am Flughafen los. Ich verabschiedete mich von Familie und Freunden und stieg mit einem weinenden und einem lachenden Auge in den Flieger. Am Frankfurter Flughafen traf ich dann auf zwei Gleichgesinnte und los ging’s, über Venezuela nach Quito. Ecuador!

Auf dem Einführungsseminar in Quito wurden wir noch einmal über alles Wichtige informiert, tauschten unsere Ängste und Hoffnungen aus und hatten eine Menge Spaß. Außerdem wurde uns die Stadt gezeigt. Zunächst ging es hoch hinaus auf den Pichincha Mountain, wo wir auf Ecuadorianer trafen. Zwar konnten wir uns mit ihnen noch nicht fließend auf Spanisch unterhalten, mit Zeichensprache und jeder Menge Improvisation hatten wir jedoch viel Spaß zusammen. Die Menschen Ecuadors begegneten mir von Anfang an offen und freundlich. Das hat mir sehr geholfen, mich schnell einzuleben. Nachdem wir den beeindruckenden Ausblick genossen hatten, ging es mit einer Führung durch die Hauptstadt Ecuadors weiter, dem Land, in dem ich nun für sechs Monate leben würde!

Ankunft bei der Gastfamilie in Cuenca

Ein paar Tage später war ich bereits bei meiner Gastfamilie in Cuenca, und eine turbulente Zeit begann. Natürlich wollte man mir alles zeigen, mich schnell mit meiner Umgebung vertraut machen, und noch am selben Abend lernte ich bei unserem "Campo-Haus" außerhalb der Stadt die gesamte Familie kennen: Kinder, Oma, Opa, Tante, Onkel und alle anderen waren höchst interessiert an meiner Herkunft und an mir selbst. Doch die Sprache, das mir noch recht fremde Spanisch, war zunächst ein Hindernis. Das war auch in der Schule so – doch Tag für Tag lernte ich dazu und verstand immer mehr.

Bis zum Schluss habe ich nicht alle Namen der riesigen Verwandtschaft gelernt

Die Verwandtschaft meiner Gastfamilie war riesig, ich bin mir bis zum Schluss nicht über alle Zusammenhänge und Namen im Klaren gewesen. Die wichtigsten Personen und Ansprechpartner für mich waren Hectór, mein Papito, Margarita, meine Mamá, Pao, meine gleichaltrige Gastschwester (zu der ich im weiteren Verlauf eine sehr innige Freundschaft aufgebaut habe), Daví­d, mein jüngerer Gastbruder, und José, mein ganz junger Gastbruder. Kein direktes Familienmitglied, für mich jedoch eine sehr wichtige Person, war Laura, die Hausangestellte. Sie hat uns täglich lecker bekocht und sich um den Haushalt und die Kinder gekümmert, da meine Gasteltern, beide Ärzte, viel zu tun hatten. Wir alle lebten zusammen in Cuenca, einer Stadt mit toller Kultur und einer umwerfenden Vielseitigkeit, welche ich in den sechs Monaten gar nicht komplett ergründen konnte.

Pao und ich gingen auf dieselbe Schule, dem Centro Educativo Alborada. Jeden morgen um Punkt 7:00 Uhr hupte der Schulbus vor der Haustür, um uns abzuholen. Das Tragen der Schuluniform sowie diszipliniertes Verhalten wurden großgeschrieben. Das war eine durchaus neue Erfahrung für mich. Die Schule in Ecuador ist wirklich sehr anders als in Deutschland.

"Ecuador, ist das in Afrika?

Gibt es da Telefon?" Solche Fragen habe ich mir vor meiner Reise oft anhören müssen. Um ein paar Vorurteile auszumerzen, werde ich jetzt mal einige Informationen über mein Gastland geben: Es gibt wie bei uns Telefone, Shopping Malls, Internet, Diskotheken und natürlich auch ein großes kulturelles Erbe, wie z.B. Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten aus vergangenen Zeiten. In einigen Dingen unterscheiden sich mein Heimatland Deutschland und mein neues zweites Zuhause Ecuador jedoch schon: Da wäre zum Beispiel die Vielfalt an umwerfend leckeren Früchten, täglich frisch gepresst, versteht sich ;-), und an anderen Speisen. Auch Meerschweinchenfleisch habe ich gegessen – durchaus schmackhaft.

Ein Unterschied: die Art der Fortbewegung

Weitere Unterschiede gibt es bei der Art der Fortbewegung, besonders bei den Verkehrsregeln und Gesetzen, von denen man in Deutschland ja schon das ein oder andere Mal überfordert wird. Naja, dies ist in Ecuador alles nicht so wichtig! Blitzer und Polizeikontrollen sind mir nicht allzu oft begegnet, und die Fahrt mit dem täglich genutzten Taxi (Fahrt 1,50 $) gleicht einer Achterbahnfahrt, macht aber Spaß! Fortbewegung ohne Auto und ganz allgemein sportliche Betätigungen sind Mangelware in Ecuador. Das hat sich auch gezeigt, als ich mich zu Hause das erste Mal wieder auf die Waage gestellt habe. Doch kann ich jeden potenziellen nächsten Austauschschüler beruhigen: Das reguliert sich wieder alles von selbst!

Jeden Sonntag war Familientag

Mit meiner Gastfamilie und auch mit meinen neu gewonnen Freunden bin ich viel herumgekommen. Jeden Sonntag war Familientag, und wir machten Ausflüge oder trafen uns beim "Campo-Haus" in Ochoa León. Das Haus liegt etwas abgelegen von der Stadt in einer tollen Landschaft. In Ecuador zu reisen, ist durchaus vielseitig. Innerhalb kürzester Zeit scheint man in einer anderen Welt zu sein. Costa, Sierra & Oriente liegen in dem doch eher kleinen Land nah beieinander und die Unterschiede, sei es die Temperatur oder die Natur, sind unfassbar groß. Oft reisten wir nach Yunguilla, ca. eineinhalb Autostunden von Cuenca entfernt, in eine komplett neue Welt: wahnsinnige Hitze, Cascadas (Wasserfälle) und unglaubliche Landschaften. Erst aßen wir gemütlich und viel, dann ging’s auf die Ladefläche unseres Autos, der Paila, und wir fuhren durch Flusslandschaften und bergige Gebiete. Das war ein riesiger Spaß! Damit sich unsere Popos erholen konnten, stoppten wir mehmals. Wieder eine ganz andere Seite Ecuadors zeigt sich im Nationalpark El Cajas, eine kalte Gegend mit ganz vielen Seen, Anglern und erholsamer Stille – gut, um sich eine Auszeit vom Trubel der Stadt zu gönnen.

Ereignisse, die für mich eher schwer zu beschreiben sind, die ich in meinen Gedanken und Erinnerungen jedoch nicht missen möchte, sind die großen Feierlichkeiten wie Weihnachten und Silvester. Diese Feste sind in Ecuador eine riesen Sause, ich denke das muss jeder für sich selbst erleben!

Unverzichtbar: Offenheit, Geduld und Verständnis

Das Wichtigste und Unverzichtbarste bei dem Antritt solch einer Reise ist Offenheit, Geduld und Verständnis für all das, was kommen mag. Besonders in Ecuador braucht man Ruhe, denn die Uhr ist dort nicht maßgebend für Entscheidungen. Die beste Entscheidung für mich war es, ein halbes Jahr wegzugehen. Man lernt, sein Zuhause in Deutschland und auch sein zweites neues Zuhause viel mehr zu schätzen und bekommt einen neuen Blick für gewisse Dinge. Der Weg ist das Ziel!

Jule aus Ritterhude war für ein Schulhalbjahr mit ICX in Cuenca, Ecuador.