Bier und Wurst,…

…Kälte, Heimweh, Selbstständigkeit. Diese sind die Begriffe, die mir erst mal, wenn ich das Wort „Deutschland“ höre, einfallen. In Wirklichkeit steckt aber viel mehr dahinter: ein ganzes Jahr in einer fremden Umgebung, bei einer neuen Familie, mit neuen Sitten, Gebräuchen und in einer neuen Schule. All solche Sachen, an die es erst mal sehr schwer war, sich zu gewöhnen.

Aber nach den Schwierigkeiten der ersten Monate hatten alle diese Dinge sich zu meinem Alltag umgewandelt. Sie sind unvergessliche Erlebnisse geworden.Ich werde nicht lügen: Meine ersten herbstlichen Monate in Deutschland waren nicht gerade einfach. Fast alles, was ich erfahren habe, war etwas Neues, etwas Unbekanntes. Nicht nur meine Gastfamilie hatte ganz andere Gewohnheiten als meine Familie in Ungarn, sondern auch die Mentalität des Durchschnittsdeutschen hat viele Unterschiede im Vergleich mit der Mentalität eines Ungarn. Es ist eine allgemeine Meinung, dass die Deutschen oft streng, ordentlich, extrem sauber und fleißig sind, und sie haben einen typisch deutschen Sinn für Humor (bissig). Dies sind natürlich Vorurteile, aber wie ich es erfahren habe, stimmen manche.

Ich möchte ein Land nicht nach Vorurteilen beurteilen

Aber genau das ist der Grund, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Ich wollte eine neue Kultur und eine neue Sprache kennenlernen und ein Land nicht nur nach Vorurteilen beurteilen. Jetzt wage ich, zu behaupten: Ich habe es geschafft!Ich hatte Glück, denn mit meiner ersten Familie (ich habe einmal die Gastfamilie gewechselt) konnte ich nicht nur Oldenburg, sondern auch die berühmten nahe liegenden Städte, wie z.B. Bad Zwischenahn, Hamburg oder Bremen (danke ICX!) kennenlernen. Ich hatte auch die Möglichkeit, die nationalen Gerichte auszuprobieren. Angela und auch Marlies (meine zwei Gastmütter) konnten vorzüglich kochen. Ich habe unglaublich viele neue leckere Essen und Getränke ausprobiert, die meistens typisch deutsch gewesen waren. Nur die Besten zu erwähnen: dutzende von verschiedenen Brotsorten (u.a. meine Lieblingssorten: Kürbisbrot, Zopfbrot), Leberkäse, Bratwurst, Bratkartoffeln, Kaiserschmarrn und eine Menge von unterschiedlichen Biersorten. Markus (mein Gastvater in der ersten Familie) hat mir auch gezeigt, wie man Weizenbier zapfen kann. Es ist überhaupt nicht einfach, aber es lohnt sich, weil das Ergebnis mehr als einfach lecker ist!

Mehr Praxis in der Schule als in Ungarn

Aber ich habe nicht nur gegessen und Spaß gehabt. Ich bin auch in eine deutsche Schule gegangen, nämlich in die Liebfrauenschule. Da musste ich mich wirklich (besonders am Anfang) bemühen. Die Schule in Deutschland fand ich insgesamt nicht so schwierig (weniger Theorie, mehr Praxis als in Ungarn). Aber alles auf Deutsch zu lernen, war schon eine Herausforderung. Ich habe auch eine Menge von Unterschieden und Ähnlichkeiten zwischen der Schule in Deutschland und in meiner Heimat bemerkt, über die ich auch ein Referat in meinem Geschichtskurs gehalten habe. Was mir am meisten aufgefallen ist, ist das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern. Es war echt überraschend, wie respektvoll das in Deutschland ist. Die Schüler widersprechen nie frech, schlafen nie während der Stunde und passen fast immer auf. Die Lehrer schreien nie mit den Schülern und sind meistens verständnisvoll, wenn es um Klausuren geht: Die Termine von ihnen sind sehr flexibel. So was, was mir in Ungarn schon ganz oft passiert ist, dass ich an einem Tag mehrere (2, manchmal auch 3) Schularbeiten schreibe, könnte hier in Deutschland (mindestens in der Liebfrauenschule) nie vorkommen.

Mein Tipp: Deutsche Bücher lesen und Sprachkurse besuchen

Noch ein Punkt in Verbindung mit der Schule, den ich toll fand, waren die Pflichtlektüren, die wir im Englischunterricht gelesen haben. Ich muss zugeben, dass ich zwar ganz gut Englisch spreche, ich habe aber noch nie ein ganzes Buch auf Englisch gelesen. Jetzt musste ich es aber, und es war toll! Von dieser Erfahrung hatte ich Lust gekriegt, auch auf Deutsch zu lesen. Harry Potter und den Hobbit habe ich durch! Mein Wortschatz hat sich in einem wahnsinnigen Tempo erweitert. Also Lesen auf Deutsch (oder in der Fremdsprache, die in dem besuchten Land gesprochen wird) würde ich für jeden ICX-Austauschschüler empfehlen!

Was noch sehr viel bei der Sprachentwicklung geholfen hatte, waren die Deutschkurse, an denen ich an der Volkshochschule teilgenommen habe. Erst hatte ich gar keine Lust mitzumachen. Ich dachte: „Ach, warum sollte ich noch Geld und Zeit auf einen blöden Deutschkurs verplempern, wenn ich sowieso die Sprache lernen werde." Das war aber der größte Irrtum, den ich mir denken konnte. Diese Kurse sind einfach toll! Wirklich! Ja, die Sprache lernst du auf einem bestimmten Niveau, auch wenn du die nur sprichst, aber man muss auch auf die Grammatik achten, und das geht nicht ohne Übung. Aber nicht nur Grammatik, diese Kurse sind viel mehr. So farbig! Du bist mit Menschen von allen Ecken der Welt zusammen. Sie sind alle anders gebildet, und sie alle haben eine andere Geschichte und eine andere Kultur. Ich war in zwei Kursen, und die Gesellschaft war immer spannend.

Internationale Woche in Braunschweig

Meine beste Woche in Deutschland: die Internationale Woche in Braunschweig. Im Februar hatte ich die Möglichkeit, eine Woche in Braunschweig bei einer lokalen Familie zu verbringen. Ich war nicht alleine: Das Martino-Katharineum (MK) Gymnasium hat 20 Gastschüler aus 15 Nationen eingeladen. Dem MK und den Lehrern, die dieses ganze Programm organisiert haben, bin ich sehr dankbar. Sie haben sich echt viele Mühe gegeben, um uns etwas Unvergessliches zu bieten. Die ganze Woche war mit verschiedenen, interessanten Beschäftigungen vollgestopft, wie z.B. ein Theaterbesuch (hinter den Kulissen), ein Fußballspiel des lokalen Vereins Eintracht Braunschweig, ein Besuch der Autostadt in Wolfsburg oder ein gemeinsames Bowling – und jetzt habe ich nur einige erwähnt. Der Höhepunkt der Woche war der Karneval am letzten Tag, an dem wir auch teilgenommen haben. Das MK hatte einen eigenen Wagen, den wir den vorigen Tag zusammen dekoriert hatten und mit dem wir am Sonntag dann durch die ganze Stadt gefahren sind. Vom Wagen haben wir dann Süßigkeiten und kleine Geschenke in die Menschenmenge geworfen und neben dem Wagen getanzt und Spaß gemacht. Ich habe auch sehr viele neue Gesichter während der Woche kennengelernt und auch neue Freundschaften geknüpft, die ich nie vergessen werde.

Es gibt noch so viel zu erzählen, aber alles kann ich natürlich nicht niederschreiben. Ich bin beiden Gastfamilien sehr dankbar und allen, die mir zu dieser Erfahrung verholfen haben. Dieses Jahr werde ich nie vergessen, weil es mir geholfen hat, eine neue Kultur, Sprache, ein neues Land und ein neues Weltbild kennenzulernen.

Bendegúz Gyarmati aus Ungarn war für ein Schuljahr mit ICX als Austauschschüler bei Familie Hudalla in Friedrichsfehn und Familie Thomas in Oldenburg.