„Und, wie war’s in Frankreich?“

Wenn ich diese Frage höre, fällt es mir schwer, zu antworten. Nicht, weil ich mir über meine Antwort nicht im Klaren bin, sondern weil dann all meine schönen Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke auf mich einströmen und es nicht leicht ist, auszudrücken, wie viel mir mein Auslandsaufenthalt bedeutet.

Der Weg in mein anderes Leben führte mich in die Stadt Soissons in der Picardie zu meinen Gasteltern Bettina und Franck mit ihren Kindern Edgar und Eliott, drei und zwei Jahre alt.

Die Zugfahrt nach Soissons begann tränenreich und die Dauervorfreude wurde im Zug plötzlich von großer Unruhe und zu vielen Gedanken abgelöst. Als ich jedoch nach sechsstündiger Fahrt am Bahnhof von meiner Gastmutter abgeholt wurde, konnte ich das Grübeln gleich aufgeben: Zuhause in Soissons angekommen, befand ich mich mitten in der Geburtstagsfeier meines Gastbruders Edgar und mein neues Leben begann.

Lippenlesen in der Schulkantine

Am Anfang war alles schrecklich aufregend. So viele neue Eindrücke und Erlebnisse stürmten auf mich ein! Das hieß aber auch, dass meine Tage immer spannend blieben. In meine Klasse, der 1L2  (Première Littéraire) im Lycée Gérard de Nerval, wurde ich freundlich aufgenommen und in den folgenden Monaten habe ich dort eine Menge nette Leute kennengelernt. Gleich zu Beginn meiner Schulzeit fühlte ich mich integriert, auch wenn ich mich am Anfang, z.B. in der Schulkantine, noch im Lippenlesen üben musste.

Diese Mittagessen in der Kantine wurden zu Schlüsselpunkten meines Schullebens. Zwar hätte mich der Weg zum heimischen Mittagstisch nur zehn Minuten gekostet, doch habe ich die Mittagspause lieber mit Freundinnen in der Schule verbracht. Überhaupt spielte sich ein großer Teil des wöchentlichen Lebens im Lycée ab, auch nach dem Unterricht blieben wir noch lange zusammen. Das war für mich zunächst ungewohnt, doch habe ich diese Treffen nach und nach richtig schätzen gelernt.

Musik, Sport & Theater

Auch meinen außergewöhnlich guten Musikunterricht am Lycée habe ich geliebt. Der fand immer am Mittwoch- und Donnerstagnachmittag statt. Für mich war es eine intensive Zeit, was Lernen, Kreativität und Spaß angeht. Ein nachhaltig beeindruckendes Erlebnis war das Weihnachtskonzert mit der ganzen Truppe, das samt Vorbereitung eine einzige große Freude war. Außerdem spielte ich mit einigen Freunden in der schulischen Badminton-AG. Außerhalb der Schule ging ich einmal die Woche mit meiner Gastmutter zum Töpfern und schon bald fand ich darüber hinaus eine super sympathische Improvisationstheater-Gruppe, in der ich mitspielen konnte.

Meine Erlebnisse mit der Gastfamilie? Einzigartig!

Was die Erlebnisse mit meiner Gastfamilie angeht, so waren sie mal außergewöhnlich und mal alltäglich, aber immer in voller Harmonie. Oft fanden Familienbesuche statt, während derer ich mir den Ruf der Gourmande einfing, was allerdings niemals meine, sondern die „Schuld“ der zuständigen Köche war. Familienbesuche versprachen immer interessante Tage mit netten Gesprächen und das Zusammensein mit meinen Gastcousinen- und cousins. Ich bin sicher, dass der zahlenmäßige Anwesenheitsrekord an Weihnachten aufgestellt wurde, der eine  ca. 15 m lange Tafel erforderte.

Auch machten Bettina, Franck, die Kinder und ich regelmäßig Ausflüge, zum Beispiel um das „Märchenschloss“ von Pierrefonds zu bestaunen oder neue Städte kennen zu lernen. Nebeneffekt all dessen war, dass ich meinen Erfahrungshorizont aus kulinarischer Sicht (Froschschenkel, Austern etc.) und geschichtlichem Wissen grundlegend erweitern konnte. Auch was meine Natur-Kenntnisse betrifft, so habe ich viel dazu gelernt. Zum Beispiel als ich eines Abends meinen Gastvater auf eine Tour begleitete, um das berühmte picardische Röhren der Hirsche zu belauschen. Ich weiß noch, dass auf den Feldwegen und Landstraßen ein unheimliches Getümmel von passionierten Zuhörern herrschte, doch Franck – von Beruf Landwirt – kannte die besten Plätze. Am Wochenende schlenderte ich oftmals mit meiner Gastmutter über verschiedene Flohmärkte, wo ich mit der Zeit ihre Passion des Trödelns übernahm.

Und noch mehr Frankreich in den Ferien

In den Ferien bekam ich die Gelegenheit, weitere Teile Frankreichs kennen zu lernen: Den Aufenthalt mit meiner Freundin Sarah in Bourg en Gironde bei ihrer Tante und in Angoulême bei Bettinas Eltern werde ich nicht vergessen, ebenso wenig wie meine Woche in Bordeaux, die ich zusammen mit Edgar antrat, um seine Tante samt Familie zu besuchen. Im Département Vendée verbrachte ich vier Tage im Freizeitpark „Le Puy du Fou“, die uns ein Tierarzt-Kongress meiner Gastmutter ermöglichten. Dass ich mich übrigens an der französischen Nordküste so fühle wie an der heimischen Nordsee, hätte ich nicht gedacht. Nur ein einziges Mal verließ ich Frankreich, jedoch nicht die französischsprachige Region: Während eines aufregenden Wochenendes in Brüssel mit der Kollegin meiner Gastmutter, lernte ich, was Internationalität wirklich bedeutet und wie gut und wichtig es ist, fremde Sprachen zu beherrschen.

Am Ende bleibt vor allem Freude und Zufriedenheit

Wenn ich die vergangenen sechs Monate Revue passieren lasse, geraten die wenigen schwierigen Momente völlig in den Hintergrund und ich empfinde nur Freude und Zufriedenheit darüber, diesen Schritt in die Ferne getan zu haben. Ich freue mich schon unendlich darauf, „meine Franzosen“ wiederzusehen und wenn ich jetzt von Heimweh spreche, dann muss ich immer an zwei Orte denken.

Henrietta Wegener aus Bünde war im ersten Schulhalbjahr 2010/11 mit ICX als Austauschschülerin in Soissons, Frankreich.