Texas, Amerika – das Jahr, das nie zu Ende ging

Nie hätte ich mir je erträumt, einmal am Straßenrand zwei Giraffen stehen zu sehen oder in einem knallroten Vogelkostüm bei Feueralarm über den Schulhof zu rennen, geschweige denn eines Morgens aufzuwachen und anstatt der Straße vor der Haustür auf einmal einen Fluss vorzufinden. Amerika, so habe ich gelernt, ist der Ort, an dem das Unmögliche möglich wird, an dem das Wort „impossible“ nicht existiert, sondern man nur neue Wege (er)findet.

High School Year Texas

Ein Jahr lang war ich als Austauschschülerin in San Antonio, einer Großstadt in Texas, USA, und habe dort die besten, aufregendsten, einzigartigsten Erfahrungen meines Lebens gemacht. Zuerst war ich bei einer unglaublich lieben Welcome Family, einem Ehepaar, bei dem ich eine französische Gastschwester in meinem Alter hatte. Später kam ich dann zu einer Familie mit drei Kindern (8 und 10 Jahre) und zwei Hunden. Da ich sowohl Kinder als auch Tiere über alles liebe, hätte es mich nicht besser treffen können. Sie alle haben mich wunderbar aufgenommen, und von Anfang an fühlte ich mich als Teil der Familie. Meine High School war die Winston Churchill High School, eine Schule von 3.500 (dreitausendfünfhundert!) Schülern ganz in der Nähe.

Landschaft in Texas

Schon in dem Moment, als ich ankam, war alles anders als zu Hause

Die Luft hatte um die 40° Celsius. Nicht wenige Menschen liefen in Cowboyhüten und ‑stiefeln durch die Gegend, und statt der normalen Autos sah ich überall riesige Trucks auf den Straßen. Überhaupt war alles größer. Dem Spruch „Everything is bigger in Texas“ wurde wirklich alle Ehre gemacht. Das fiel mir besonders beim Einkaufen auf. Für mich war allein das Betreten eines amerikanischen Supermarkts schon ein Event. Nicht nur, dass überall Stände aufgebaut sind, an denen man alles Probieren darf (bei meinem ersten Besuch bin ich nur von einem Probierstand zum nächsten gerannt), der Laden selbst ist mindestens dreimal so groß wie ein normaler Supermarkt. Alles gibt es grundsätzlich in Riesenmengen. Hundefutter wurde in 20-Liter-Säcken gekauft, eine Kiste Chips enthielt 30 Packungen, und wer einmal in Amerika gelebt hat, wird sich nur schwer wieder an die winzigen deutschen Getränkeflaschen gewöhnen. Diese gibt es nämlich in Gallons, eine Flasche enthält also fast vier Liter.

Betreuerin in Texas

Mit „please“ und „thank you“ bekommt man überall Hilfe

Es ist schwer, sich von all den gigantischen Eindrücken nicht einschüchtern zu lassen, doch keine Bange, die Menschen sind im Allgemeinen sehr nett und höflich. Ich war völlig beeindruckt, wie alle sich gegenseitig behilflich sind und solche Dinge wie Türaufhalten völlig selbstverständlich sind. Sobald ich auf jemanden zukam und erzählte, dass ich eine Austauschschülerin aus Deutschland bin, waren alle sofort total interessiert, haben mich tausend Dinge gefragt oder mir stolz erzählt, dass sie auch deutsche Wurzeln haben und auf Deutsch den Satz „Wo ist die Toilette?“ sagen können. Die Hilfsbereitschaft der Menschen kannte keine Grenzen, egal, ob ich mich auf dem Parkplatz verlaufen hatte oder mich in den verwirrenden Räumen der Schule nicht zurecht fand. Wer die Wörter „please“ und „thank you“ beherrscht, findet eigentlich überall schnell Hilfe.

High School in Texas

In der Schule fand das Leben statt. Ich habe mich auf jeden Tag gefreut!

Die Schule war für mich der faszinierendste Ort. Nirgendwo hat man so deutlich die Unterschiede zu Deutschland gemerkt wie dort. Ich hatte die Wahl zwischen ca. 50 Fächern, von denen manche so kurios waren, dass ich es selbst nicht glauben wollte. Zum Beispiel gab es ein Fach Kriminalistik, in dem die Schüler lernten, wie man Mordfälle aufklärt. Ähnlich verrückt war das Fach Kochen oder auch der extra für schwangere Jugendliche eingerichtete Kurs Kindererziehung. Die Vielfalt in der Schule war beeindruckend.

Auch die Schüler selbst hätten unterschiedlicher kaum sein können. Den Lehrern wurde in ihrer Unterrichtsgestaltung praktisch freie Hand gelassen. So war es in meinem Spanischunterricht zum Beispiel üblich, dass wir etwa alle zwei Monate eine Fiesta veranstalteten, bei der jeder etwas zu Essen mitbrachte und wir uns dabei auf Spanisch unterhalten sollten. Nie zuvor hatte ich jeden Morgen solche Lust, in die Schule zu gehen. Ich habe mich echt auf jeden einzelnen Tag gefreut. Außerdem herrscht in Amerika ein völlig anderes Verständnis von Schule. Die Schüler waren stolz auf ihre Schule, rannten in Schul-T-Shirts durch die Gegend und schmetterten voller Eifer bei jedem Football-Spiel die Schulhymne mit.

Die Schule ist in den USA ein Ort, an dem man gerne ist, wo man Freunde trifft und nicht selten auch seine Freizeit verbringt. Das mag verrückt klingen, doch in der Schule findet das Leben statt.

Ranch in den USA

Meine fantastischste Zeit hatte ich definitiv mit meinem Schulorchester

Von Anfang an wurde ich total herzlich aufgenommen. Fortan war ich fester Bestandteil der „Familie“. Bei allen war ich als „The German Kid“ bekannt und – ob absichtlich oder unabsichtlich – ich war sehr oft Gegenstand der allgemeinen Erheiterung. Zusammen haben wir viele Nachmittage mit Rehearsals verbracht, haben Konzerte gegeben und sind auf einen Orchestra Trip gefahren. Der Trip war mein schönstes Erlebnis während des ganzen Jahres. Noch nie hatte ich so viel Spaß – und einen so schlimmen Sonnenbrand. Wir waren auf einer echten Ranch mit Pferden, Rindern und Ziegen mitten in Texas. Ein ganzes Wochenende lang haben wir dort Tennis gespielt, uns im Wasserpark vergnügt und wurden von einer Entenschar über die Wiese gejagt. Am letzten Tag fanden noch die legendären Cowboy Olympics statt, bei denen wir unter anderem eine Schafherde zusammentreiben und auf Eseln um die Wette reiten mussten.

Unsere gemeinsamen Interessen und Erlebnisse haben uns zusammengeschweißt. So war es kein Wunder, dass ich meine besten Freunde im Orchester gefunden habe. Sie waren es, die mich auf abenteuerliche Ausflüge mitgenommen und mir die coolsten Plätze San Antonios gezeigt haben. Sie waren es, mit denen ich meinen Geburtstag gefeiert habe, und sie waren es, die mein Jahr so perfekt gemacht haben wie es war.

Freizeit mit dem Schulorchester

„How are you? I miss you so much. We need to have a Skype call soon!“

Das alles und noch viel mehr unvergessliche Erinnerungen werden mich für immer mit Amerika verbinden. Ich habe seitdem Land und Leute in mein Herz geschlossen. Noch heute stehe ich mit meinen beiden Gastfamilien und meinen Freunden in engem Kontakt. Es vergehen kaum Tage, an denen ich nicht eine herzliche Nachricht bekomme wie: „How are you? I miss you so much. We need to have a Skype call soon!“ Amerika hat mich für immer verändert. Ich habe wunderbare Menschen getroffen, unglaubliche Erfahrungen gemacht und dabei nie zuvor gekannte Seiten an mir selbst entdeckt. Das Selbstbewusstsein und eine innere Stärke, die ich dort gewonnen habe, wird mir niemand mehr nehmen können. Mein Auslandsjahr war für mich wirklich das beste Jahr meines Lebens.

Luisa aus Berlin war mit ICX als Austauschschülerin in San Antonia, Texas, USA.