Québec – Meine zweite Heimat

Im August war es endlich soweit. Ich landete auf dem Flughafen Montreal und wurde dort direkt von meinen Gasteltern abgeholt. Wir hatten vorher Kontakt per Mail und dabei unsere Fotos ausgetauscht, sodass es gar kein Problem war, einander zu erkennen. Meine englischsprachige Gastfamilie besteht aus Mutter, Vater und vier Kindern – welche allerdings teils schon von zu Hause ausgezogen waren, aber mehrmals die Woche zu Besuch kamen –, dem zweijährigen Enkelsohn Noah sowie dem Familienhund Jake.

Mit meiner Gastfamilie verstand ich mich von Anfang an super. Alle haben mich als ein Familienmitglied gesehen. Vor allem zu Noah hatte ich ein sehr inniges Verhältnis. Wir haben in meiner Freizeit zusammen gespielt, Eishockey geübt, gebacken, gemalt etc. Überhaupt habe ich mit der gesamten Familie, die italienischen Ursprungs und somit sehr kontaktfreudig ist, sehr viel unternommen. Ich gehörte zu allen Familienfesten dazu, wurde sogar mit in den Familien-Skiurlaub genommen. Ebenso machten wir ganz viele Wochenendausflüge zu Chalets, gingen in Museen, in den Zirkus oder machten Spaziergänge mit Noah und Jake, und ich konnte immer dabei sein. Nie hat mich meine Gastfamilie spüren lassen, dass ich nur ein „zahlender Gast“ war, im Gegenteil, sie ermöglichten mir vieles, was nicht mit Geld zu bezahlen war. Mein Gastvater war zum Beispiel ein großer Eishockeyfan, da war es für ihn ganz selbstverständlich, mich zu den Spielen der professionellen Eishockeymannschaft Canadiens de Montreal mitzunehmen und mich mit dem Nationalsport Kanadas vertraut zu machen.

Lehr- und erlebnisreiche Zeit an der Ecole secondaire Marie Clarac

Meine Gastfamilie lebt direkt in Montreal. Ca. zehn Kilometer von unserem Haus entfernt befindet sich die französischsprachige private Schule Ecole secondaire Marie Clarac, wo ich die quatrième secondaire besuchte. Ich war in meiner Klasse die einzige Austauschschülerin, und aus der anfänglichen Neugierde meiner Mitschülerinnen entwickelten sich einige intensive Freundschaften. Meine Freunde haben mich immer bei allem unterstützt. Sie haben sehr viel auch außerhalb der Schule mit mir unternommen, z.B. haben sie mir Eislaufen beigebracht, viele typische Landesgerichte vorgekocht, wir sind zu Fußballspielen der Montreal Impacts gegangen, haben Kinofilme angeschaut und vieles mehr.

Die Schule in Québec unterscheidet sich in vielen Punkten von dem deutschen Unterricht. Schulkleidung ist Pflicht, es besteht keine Lehrmittelfreiheit, dafür sind sowohl die Bibliothek perfekt ausgestattet als auch die technischen Geräte auf neuestem Stand und in ausreichender Zahl vorhanden. Es ist Standard, dass jeder Schüler seinen eigenen Laptop oder sein Tablet mit in die Schule nimmt und dort damit arbeitet. Internetrecherche gehört zum Beispiel zum normalen Schulunterricht.

Der Unterricht selbst beginnt um acht Uhr und ist in vier Unterrichtseinheiten à 75 Minuten sowie einer längeren Mittagspause unterteilt, wobei sich der Stundenplan alle neun Tage wiederholt. In den naturwissenschaftlichen Fächern liegt der Schwerpunkt auf praktischen Übungen und Versuchen, die restlichen Fächer werden meist frontal unterrichtet. Die Lehrinhalte der jeweiligen Fächer variieren teils stark zum deutschen Schulstoff. Außerdem besteht ein viel freundlicheres und offeneres Verhältnis zwischen Lehrern und Schülerinnen als in Deutschland.

Nachmittags hielt meine Schule viele Freizeitangebote bereit. Die Fußball AG gab mir zum Beispiel die ideale Möglichkeit, viele neue Leute auch außerhalb meiner Klasse kennenzulernen.

Während meines zehnmonatigen Aufenthaltes gab es insgesamt nur vier Wochen Ferien. Dafür fanden in regelmäßigen Abständen „pädagogische Tage“ statt, an denen wir im Klassenverband Museen und Theater besuchten und eine einwöchige New York-Reise unternahmen.

Absolute Highlights: Indian Summer und kanadischer Winter

Zwei absolute Highlights meines Auslandsjahres waren zum einen der Indian Summer und zum anderen der kanadische Winter. Es waren für mich zwei völlig neue Erfahrungen, und sie gehören zu den schönsten Aspekten, die die Natur Québecs zu bieten hat. Im Herbst verfärben sich die Blätter des kanadischen Laubwaldes (hauptsächlich Ahornbäume) in wunderschöne rot-pink gefärbte Wälder. Auch der kanadische Winter war eine kalte, unvergessliche Erfahrung. Bei unter minus 30 Grad Celsius ist es ganz normal, mit Freunden nach draußen zu gehen oder zusammen mit meinen Gastschwestern auf einem komplett zugefrorenen Fluss Langlaufski zu fahren. (Man lernt sehr schnell, dass man Handys direkt am Körper zu tragen hat, da diese sonst einfrieren und nicht mehr funktionstauglich sind.) Auch der Carnaval de Québec und Eishotels sind wichtige Bestandteile des kanadischen Winter.

Cabane á sucre

Eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres in Québec ist das Cabane à sucre. Bei diesem Fest werden Herstellungsorte für Ahornsirup besucht und die verschiedensten Gerichte mit Ahornsirup in riesigen Fabrikhallen gegessen. Bei diesem Fest wird draußen die Gewinnung und Herstellung des Ahornsirups (Sirop d'érable) erklärt und Tire-à-sucre gelutscht. Dabei wird heißer Ahornsirup auf Schnee gegossen und auf einen Stiel gerollt, sodass eine Art Lutscher entsteht.

Der multikulturelle Aspekt Kanadas und die Harmonie der einzelnen Kulturen sowie der Stolz jedes Einzelnen, aus Québec zu sein, macht diese Provinz für mich so einzigartig.

Zum Ende des Auslandsjahres habe ich mit einer anderen Austauschschülerin Reisen nach Kingston, Toronto und Niagara gemacht. Außerdem ist meine Gastfamilie mehrmals mit mir in den Norden Québecs, aber auch in den Süden zum Skiurlaub und zu Stadtbesuchen nahe der amerikanischen Grenze gefahren.

Die zehn Monate in Montreal waren die schönste, spannendste und lehrreichste Zeit meines Lebens. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Kultur Québecs mit ihrem nordamerikanischen und europäischen Charme kennen und lieben lernen durfte. Es ist schön zu wissen, eine zweite Heimat gefunden zu haben. Außerdem bin ich froh, dass ich mich für den langen Aufenthalt entschieden habe und nicht nur für ein halbes Jahr, da ich so mit ganzem Herzen zu einer Québecoise werden konnte und mich nicht innerlich nur als Gast empfunden habe. Neben all diesen unvergesslichen Erfahrungen war es ein angenehmer Nebeneffekt, in Französisch und Englisch quasi zur Muttersprachlerin zu werden.

Viel wichtiger empfand ich meine persönliche Entwicklung zu einem selbstständigeren, selbstbewussteren und multikulturellen Menschen. Ich würde jederzeit gerne nach Montreal zurückkehren, um meine Gastfamilie und meine Freunde wiederzusehen. Ich kann mir gut vorstellen, dort auch später zu studieren.

Franziska aus Steinen war mit ICX als Austauschschülerin Montreal, Kanada