"Lass uns noch mal das Ohrenwackeln üben.“

Jetzt hat sie das Haus verlassen und fährt zur Schule. Schlagartig ist es ruhig im Haus. "Wie kann ein einziger Mensch so einen Unterschied machen?", frage ich mich. Noch vor vier Wochen kannte ich sie nicht, nur das bisschen, was wir über die flüchtigen E-Mails hin und her geschickt hatten. Und jetzt ist es so, als wäre sie schon immer hier gewesen.

Sie ist nicht viel anders als unsere eigenen Kinder, die mittlerweile alle das Haus verlassen haben und nur noch sporadisch einfliegen, an manchen Sonn- und Feiertagen und um sich noch mal ein bisschen verwöhnen zu lassen oder um im Keller nach irgendwelchem Kram zu suchen, meistens aber um ihn abzustellen.

"Nicht zu viel Curry", sagt Cathrin, meine älteste Tochter. "Und bitte keinen Ingwer, Mami. Ingwer ist immer schnell dominant." Sie schaut mir für einen Moment über die Schulter, während ich koche. So ist sie einfach. Es darf nicht zu süß, zu scharf oder zu flau sein und auf keinen Fall dick machen. Und sie ist auch kein Kind mehr. Dabei war sie so ein herrlich wildes Kind mit ihren blonden Locken und den leuchtend blauen Augen. Voller Übermut. Sie ist so erwachsen geworden! Wenn sie geht, dann schreitet sie, als müsse sie irgendwas vermessen. Sie ist Frau Rechtsanwältin. Ihr Mann ist auch Rechtsanwalt. Beide arbeiten enorm viel. "Muss man", sagen sie. Und René erst. Der Älteste. Er war gerade fünf Pfund 100 Gramm. Gestern. Alles mit Auszeichnung, auch die Promotion. Ein kluger Junge und sehr tüchtig. Ständig in der ganzen Welt unterwegs mit seinen Vorträgen. Ständig unter Strom, ständig auf dem Sprung. Nie Zeit.

Pam, unsere Austauschschülerin aus Brasilien, scheint im Handumdrehen die Situation erkannt zu haben und ist ganz Kind der Familie. Zum Beispiel hält sie auch nicht viel von Ordnung und muss auch ausgerechnet dann aufs Klo, wenn der Tisch abgeräumt wird. Pam wird in vier Wochen siebzehn.

Mein Gott, in vier Wochen schon! Was soll ich kochen an diesem Tag und welchen Kuchen wünscht sie sich wohl? Und wen wird sie einladen? Sie kennt doch noch so gut wie niemanden. Ganz allein auf diesem neuen, alten Kontinent, dieses Kind, das schon ganz bald auch kein Kind mehr sein wird. Auch sie ist selbstbewusst. Sehr sogar. Wenn sie geht, dann ist auch ihr Schritt forsch. "Alles, was ich will, kann ich", sagt sie und fügt vollkommen überzeugt hinzu:"Du auch." "So, so", sage ich und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Für sie ist alles neu, aber sie wirkt keinen Moment verunsichert. Ihre deutschen Sprachkenntnisse sind sehr gut. In Sao Paulo geht sie auf eine deutsche Schule. Es gibt 5000 Schüler an dieser Schule. Hier in Ahaus ist alles kleiner und anders. "Und sehr überschaubar," sagt sie.

Sie scheint wirklich gut zurechtzukommen. Selbst mit unserem Klima. Jeden Tag setzt sie sich aufs Rad, um zur Schule zu fahren. Sie genießt die Freiheit. Hier ist das Leben so sicher und ungefährlich, so nah und klein. In Brasilien ist jetzt Sommer. Aber sie nörgelt nicht. Sie zieht sich die Jacke über, ruft mir fröhlich ihr "Tschüüüsss" zu und ist weg.

Wenn sie von der Schule kommt und man sie fragt, wie der Tag war, dann antwortet sie meistens: "Sehr gut. Mein Gott, ich habe viel geredet. Keiner hat in Physik was gesagt, aber ich habe geredet! Und dann ich bin sehr schnell gefahren mit Fahrrad. Bauch ist ganz warm. Nur Hände sind kalt." Und um es mir zu beweisen, zieht sie den Pullover samt Jacke hoch und ich sehe ihre nackte Haut, die noch immer braun ist. "Fühl mal." Ich fühle also mal schnell. "Ja, warm". Sie lacht und hält mir ihre kalte Hand an die Wange. "Kalt was? Und guck mal. Kannst du das?" Wo sie den Pullover so hoch hat, zieht sie den Bauch ein, dass ich ein großes Loch sehen kann. Dabei lacht sie wie verrückt, stellt sich vor das Fenster seitlich hin, wo sie sich wie in einem Spiegel sieht und betrachtet mit eingehaltenem Atem stolz ihr Loch im Bauch. Sie wiederholt die Frage und ich antworte ganz entschieden "Jetzt komm, das Essen ist fertig."

Gestern noch hat sie gezeigt, wie sie schielen kann. Unglaublich kann sie schielen. Dieses hübsche Gesicht, das noch deutlich Kinderspuren zeigt, besonders wenn sie lacht, das umrahmt wird von hellbraunen Kringellocken, wird zur schrecklichen Grimasse. Man muss Angst bekommen! "Findest du?" "Ja, finde ich."

Wir tun ihr so gut wie jeden Gefallen. Auch Albert mit seinen 60 Jahren. Wir machen ihr die Turnübungen auf dem Wohnzimmerteppich nach, die besonders gut sein sollen für die Rückenmuskulatur, und wir schielen, bis uns die Augen weh tun. Wir hören für eine Weile bei ihrer verrückten Musik zu, wenn sie uns darum bittet, auch wenn wir sie schrecklich finden und sie uns durch Mark und Bein geht. Wir fahren zusammen Fahrrad, und wenn sie voranfährt, versuchen wir mitzuhalten, bis wir aus der Puste sind, nur lassen wir uns das nicht anmerken. Immer lachen wir. Immer fragt sie: "Und könnt ihr das auch?"

An einem Abend hat sie uns dazu gebracht auszuprobieren, ob unsere Finger auch richtig laut knacken können, wenn man tüchtig an ihnen reißt. Und ihre Fuß-, Hals- und Armgelenke können das auch, und ja, es knackt auch bei uns hier und da ganz entsetzlich. Für einen Moment bin ich besorgt, aber sie klatscht vor Freude in die Hände. Es muss also gut sein!

Danach folgt eine Lektion in Ohrenwackeln und Augenbrauen verziehen, und wir lachen und lachen und lachen Tränen, und später, als Albert und ich ins Bett gehen (sie will noch einen Film sehen), können wir uns eine Kissenschlacht gerade eben noch verkneifen. Als ich kichernd flüstere "Ich bin heute zwölf geworden", sagt er prustend "und ich 14". "Immerhin", sag ich, "aber viel zu jung für Pam."

Dennis, der Jüngste, ist gestern nach Hause gekommen für ein paar Tage. Er hat gerade Semesterferien, muss aber noch Klausuren schreiben und hat zwei Nachhilfeschüler, die er betreut. Er ist trotz des Wetters nicht mit der Bahn, sondern mit dem Motorrad gekommen, was wirklich unvernünftig ist. Aber er liebt dieses Ding, dieses gefährliche. Angeblich hat es was mit Freiheit zu tun. Ich habe Brot gebacken, und ich werde Lasagne machen. Auch er ist kein Kind mehr. Da besteht er drauf. Aber frisch gebackenes Brot mit Nutella und später die Lasagne, das ist in Ordnung. Jetzt, wo er nicht mehr Zuhause wohnt, schläft Pam in seinem Bett und er im kleineren Gästezimmer.

"Heute ist der beste Tag meines Lebens – sage ich jeden Morgen", sagt Pam. "Probier du auch. Dann ist es so." Dabei strahlt sie mit ihren weißen Zähnen wie bei einer Zahnpastareklame. Dennis rollt mit den Augen, als würde er sich fragen, in welchem Film er heute ist. "Alles ist Energie", sagt sie." Alles ist von Gott. Du musst es denken und dann kommt es so. Von alleine." "Von alleine?" In seiner Stimme ist Spott. Sie lächelt ihn mitleidig an und nickt. Er streicht ihr grinsend wie ein echter großer Bruder über den Kopf. "Du musst immer überzeugt sein," sagt sie.

Sie lässt ihn stehen und geht ins Bad, räumt ihre Schwimmsachen zusammen, so wie sie es jeden Tag um diese Zeit tut. Jeden Tag setzt sie sich aufs Rad und fährt ins Schwimmbad, um dort zwei Stunden zu trainieren. Immer sind es zwischen 4,5 und 6,5 Kilometer, je nach Trainingsvorgabe. Noch kürzlich erst hat sie den dritten Platz im 400 Meter Freestyle aus ganz Lateinamerika gewonnen. Jeden Monat bekommt sie einen neuen Trainingsplan. Sie lässt keinen Tag aus. Fünf Tage die Woche, ohne Ausnahme. Sie sagt, sie liebe ihren Sport. Ihre Familie unterstützt sie sehr. Sie lebt sehr bewusst, ernährt sich bewusst, trinkt absolut keinen Alkohol, weiß um alle Inhaltsstoffe, um Wirkungen und Nebenwirkungen, kennt sich aus mit Nahrungsergänzungsmitteln. Wenn sie nach Hause kommt, ist sie immer tierisch hungrig. Unser Essen schmecke ihr sehr, es könnte nur noch öfter Fleisch geben, sagt sie. Und dass sie auf keinen Fall noch mehr zunehmen dürfe. Dabei ist sie nicht dick. Vielleicht etwas kompakt. Alles Muskulatur eben. Das kommt vom Schwimmen. Das braucht man, und es entwickelt sich so. "Mein Problem ist, dass ich einfach alles mag," lacht sie. "Du kannst ganz zufrieden sein", sage ich "und hübsch bist du auch."

Auf das Kompliment antwortet sie lächelnd mit "Danke". Plötzlich wirkt sie ganz erwachsen. Ihre große Schwäche ist deutsche Schokolade. Sie behauptet, davon verfolgt zu werden. Sogar nachts. "Aber Schokolade ist auch gut", behauptet sie einmal. "Nur wenn du denkst, etwas ist schlecht, dann ist es schlecht, aber wenn du denkst, es ist gut, dann ist es gut. Und Bauch (sie hebt diesmal nicht ihren Pullover, sondern streicht nur dreimal liebevoll drüber), du jetzt weißt nicht, dass dies Schokolade ist. Für dich dies ist Salat." Es ist unmöglich, sie nicht zu mögen, denke ich.

"Du wirst deine schmutzigen Schuhe heute noch selber säubern, deinen Berg Klamotten endlich vom Sessel nehmen und aufhängen und den Fußboden so aufräumen, dass du dort mal wieder staubsaugen kannst." Ich hatte außerdem meinen Worten eine gewisse Ernsthaftigkeit zugefügt. Kinder sollten einem nicht auf dem Kopf herumtanzen. Eigene nicht und fremde ebenso wenig! "Also auf und an die Arbeit."

Vorgestern kam sie vom Schwimmen zurück und war ganz bedrückt. Es sei etwas Schlimmes passiert. Ihr Portmonnaie sei ihr abhanden gekommen. Und leider habe sie einen Hunderteuroschein drin gehabt, eine Kreditkarte, ihren Ausweis, ein paar Adressen und Telefonnummern von Freundinnen. Auch meine. Alles weg. Schade, schade. Albert und ich sind empört. Da kommt so ein unschuldiges junges Mädchen aus der Heimat der Bösewichte, der Taschendiebe und muss in diesem verschlafenen Kaff bestohlen werden. Es tut mir leid, es tut uns leid. Wir versuchen zu verstehen und zu trösten, und wir schimpfen auf das Hallenbad, auf den Dieb, auf alle Hallunken hier in Ahaus und sowieso und überall auf der Welt. "Wir müssen es der Polizei melden", sagt Albert schließlich und fährt mit ihr aufs Präsidium, wo alles genau aufgenommen wird und man eine Anzeige erstattet.

Dann kommen sie zurück. Sie telefoniert mit ihren Eltern in Brasilien. Die zeigen großes Verständnis. Zum Glück war es nicht der Pass, sondern nur der Ausweis. Den braucht sie nicht wirklich in Deutschland. In Brasilien wird man einen neuen machen lassen, wenn sie zurück ist. Aber die Kreditkarte muss sofort gesperrt werden und ja, man wird umgehend versuchen, ihr eine neue zu besorgen. Am Tonfall der Stimme höre ich nichts. Ganz unglücklich scheint Pam nicht. Vermutlich gut getröstet. Als sie aufgelegt hat, sagt sie beinahe zufrieden: "Gott hat mir das gemacht, weil ich aufpassen lernen soll."

Ja, ja, denke ich. Und du hast ja auch das Fach nicht abgeschlossen. Das war leichtsinnig. Wir haben dir ausdrücklich erklärt, wie du das machst mit dem Eurostück in dem Schließfach. Das geht auch nicht. Schließlich ist auch Deutschland kein Land der Heiligen. "Oh, Pam." Ich nehme sie in den Arm, um sie zu trösten, da schaut sie mich lächelnd an. "Und ich werde für ihn beten, wer mein Portmonnaie hat. Ich werde beten, dass er es mir gibt zurück. Und es wird, glaube ich, geschehen."

Dabei faltet sie die Hände und schaut mich ungewöhnlich ernst an. Ihr langes welliges Haar ist etwas aufgeplustert, fällt weich über ihren roten Rollkragenpullover auf ihre Schultern und gibt ihr was von einem Engel. Sie ist eben noch ein richtiges Kind. Es ärgert sie kaum. Sie akzeptiert es besser als ich, dabei schaut sie ansonsten schon aufs Geld. Aber nun ist es Zeit fürs Bett. Wir gehen schlafen.

Am nächsten Morgen geht sie zur Schule wie immer. Wir gehen unserer Arbeit nach. Als ich am Mittag nach Hause komme, leuchtet es auf am Anrufbeantworter. Die K und K-Zweigstelle Wessumer Straße bittet um Rückruf. Da kaufe ich meistens unsere Lebensmittel für die Woche, aber noch nie haben sie hier angerufen. Ich rufe also zurück. Ob ich eine Pamella kenne und ob sie vielleicht bei uns wohne. Nachdem ich zweimal ja gesagt habe, sagt sie, man habe ihre Geldbörse gefunden. "Nein!", höre ich mich vor Freude rufen.

Mit einem Ausweis drin und ein paar Telefonnummern, davon aber nur eine aus Ahaus. Deshalb sei man auf die Idee gekommen, hier anzurufen. Und eine Kreditkarte sei drin und sogar ein Hunderteuroschein wäre dabei. Glück für das junge Mädchen, was? Eine türkische Verkäuferin hätte es in einem Regal gefunden, ja, komisch, aber ja, dort hätte es gelegen.  "Sie kann es abholen", sagt die freundliche Frauenstimme und legt auf. Wie ich mich darauf freue, es ihr sagen zu können! Und sie – was wird sie antworten?

Ob sie es nicht vielleicht dort selbst verloren habe, frage ich sie später, aber sie schüttelt wild ihren Kopf. "Ganz sicher nicht, denn wäre ich ohne Eintrittskarte ins Bad gekommen? Nein. Aber es ist passiert. Ich habe es gewusst. Ich habe es wirklich gewusst." Sie fasst mich an die Arme und sieht mir ins Gesicht. "Man muss immer denken, was man will, nie was man nicht will. Und es geschieht. Siehst du? Ich wollte nach Deutschland kommen. Genau so und habe mir das vorgestellt und bin also hier. Alles ist so."

Also, wenn ich das jetzt nicht selbst erlebt hätte, denke ich…. "Komm, du Sternschnuppe, bevor du so erwachsen bist wie der Rest der Welt, lass uns noch mal das Ohrenwackeln üben."

Brigitte Hessling aus Ahaus, Gastmutter für Pamella Vaders aus Brasilien im 2. Schulhalbjahr 2007/08