Abenteuer Frankreich

Ich habe ein halbes Jahr in Südwestfrankreich verbracht, in dem Departement Lot-et-Garonne, zwischen Bordeaux und Toulouse. Dort habe ich in einem sehr kleinen Dorf namens Pailloles gelebt, das mit seinen ungefähr 300 Einwohnern ein wenig abgeschieden liegt. Man denkt sich natürlich erst einmal: "Oh mein Gott, das wird langweilig!" Aber für Langweile hatte ich, ehrlich gesagt, überhaupt keine Zeit.

Schon allein die Anreise war ein Abenteuer für mich. Ich, allein mit 15 Jahren nach Frankreich? Aber es lief dann doch einfacher, als ich dachte. Ich musste zwar einmal das Flugzeug wechseln, aber dank der guten Ausschilderung am Flughafen, war dies überhaupt kein Problem. Schon bald war ich dann, viel schneller als ich dachte, in Paris. Eine Mitarbeiterin der französischen Partnerorganisation nahm mich in Empfang und begleitete mich zum Bahnhof. Mit dem Zug ging meine Reise weiter nach Agen, meiner Endstation. Dort sollte mich meine Gastfamilie vom Bahnhof abholen. Die erste Begegnung mit meiner französischen Gastfamilie – das war für mich eigentlich noch viel aufregender, als die Anreise.

Meine französische Gastfamilie

Meine Gastfamilie, das waren die Eltern und ihre drei Töchter im Alter von zwei, sechs und neun Jahren. Jüngere Geschwister zu haben war für mich schon einmal neu und, wie alles andere, eine Umstellung. Aber es waren dann gerade die Kinder, die mir den Einstieg in die Familie vereinfacht haben. Obwohl sie am ersten Abend noch etwas zurückhaltend waren, blieb mir zwischen all den verschiedenen Spielen mit ihnen ziemlich schnell kaum noch Zeit, um zu neuem Atem zu kommen. In der Familie habe ich mich gleich sehr wohl gefühlt. Das lag wohl auch daran, dass ich als echtes Familienmitglied aufgenommen wurde. Einzig die Gehörlosigkeit der sechsjährigen Tochter war zu Anfang etwas schwierig für mich. Letztendlich hat sich der Umgang mir ihr aber als viel einfacher ergeben als ich dachte, denn da sie implantiert ist, verstand sie dann doch einen Großteil von dem was man sagt. So konnte ich nach kurzer Zeit mit ihr genauso umgehen wie mit den zwei anderen.

Die nächste Hürde: der erste Schultag

Die aufregende Anreise nach Frankreich und das noch aufregendere Kennenlernen meiner Gastfamilie hatte ich schon einmal erfolgreich bewältigt. Die letzte Hürde, die ich dann noch nehmen musste, war der Schulanfang vier Tage nach meiner Ankunft. Ich bin immer mit dem Schulbus nach Villeneuve zu meinem Lycée gefahren. Villeneuve ist die nächstgrößere Stadt, die etwa 20 bis 30 Minuten mit dem Auto von Paillole entfernt ist. Da ich zum Anfang des neuen Schuljahres meinem Alter gemäß in die Seconde kam, waren die Gesichter in den Kursen für meine Mitschüler genauso neu wie für mich. Schon am ersten Tag habe ich ein Mädchen näher kennengelernt und an den folgenden Tagen, als alle sich halbwegs eingewöhnt hatten, auch den Rest meiner Klasse. Was mir an der Schule in Frankreich sehr gut gefallen hat war, dass jeder verschiedene Optionen hat, zusätzliche Stunden, wie z. B. Sport, Wirtschaft oder Sozi, zu belegen. Dadurch war man in einigen Fächern in "neuen" Klassen und hat eine Menge verschiedener Leute kennengelernt. So habe ich auch schnell viele neue Freunde finden können.

Gemeinschaftsgefühl durch das gemeinsame Essen in der Schule

Trotz dieser Vorteile des französischen Schulsystems muss ich sagen, dass die Schule anfangs doch sehr anstrengend für mich war. Das Anstrengende war nicht einmal unbedingt der Unterrichtsstoff, sondern eher die Länge der Schulzeit. Klar wusste ich vorher, dass es in Frankreich nur Ganztagsschulen gibt, aber dass ich tatsächlich von 8.00 Uhr bis 18.05 Uhr Schule hatte, war zunächst doch ein kleiner Schock. Wenigstens Mittwochs hatte ich dann nur bis 12 Uhr Unterricht und konnte mich danach erholen oder etwas mit Freunden unternehmen. Im Nachhinein finde ich die Ganztagsschule sogar fast besser als die Halbtagsschule. Am Anfang war ich zwar permanent müde, aber da man auch eine Menge Freistunden hat, lockert das den Tag erheblich auf. Vor allem fand ich toll, dass man die Freistunden immer in Grüppchen verbracht hat und so die Mitschüler besser kennenlernen konnte. Mittagessen gab es in einer Kantine. Das Essen war in Ordnung, aber was ich wesentlich wichtiger fand, war das Gemeinschaftsgefühl, das durch die gemeinsame Mahlzeit entstand.

Revolution à la francaise

Ein wenig schade fand ich, dass wir keine Klassenfahrt unternommen haben. Dafür habe ich aber etwas fast noch Spannenderes kennengelernt: Revolution à la francaise. Da der Staat in Frankreich einen Schulzweig kürzen wollte, streikten die Lehrer eine Zeit lang. Das heißt: Sie kamen überhaupt nicht in die Schule. Besonders beeindruckend fand ich, dass auch die Schüler selbst etwas unternommen haben. Die Aktionen reichten von Demonstrationen bis hin zur Blockierung der gesamten Schule über einige Tage, indem die Eingänge versperrt wurden. Es war schon faszinierend wie aus all den unterschiedlichen Schülern eine wirklich zusammengehörende Gruppe wurde. Das ist etwas, was ich in Deutschland so noch nie erlebt habe.

Toll fand ich außerdem, dass wir im Sportunterricht etwas für mich völlig Ungewöhnliches gemacht haben, nämlich Rugby, ein Sport den ich in Deutschland vermutlich nie gelernt hätte. Das hat mir richtig viel Spaß gemacht!

Eine harte Probe: die Weihnachtszeit

Eine harte Probe war schließlich die Weihnachtszeit. Der Gedanke, Weihnachten ohne meine Familie zu verbringen, war dann doch eigenartig. Aber letztendlich war es eine weitere schöne Erfahrung. Ich durfte mal wieder einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben, damit die Kinder keinen Verdacht schöpften und gleichzeitig mit meiner Gastmutter, tief in der Nacht, während die Kinder schliefen, den Weihnachtsmann spielen. Am nächsten Morgen wurde ich dann von meinen drei kleinen Gastschwestern aus dem Bett geschmissen. Es war ein ganz anderes Weihnachten – aber ebenso schön wie zu Hause.

Mit meiner Gastfamilie hatte ich überhaupt einfach sehr viel Glück

Die Familie war wirklich immer in Bewegung! Insgesamt gab es vielleicht drei Wochenenden in den ganzen sechs Monaten an denen wir nicht unterwegs waren. So habe ich eine ganze Menge gesehen und erlebt. Da ich auf dem Land gewohnt habe, fanden viele kleinerer Feste in den verschiedenen Gemeinden statt: Zum Beispiel das Fest de la Noisette, auf dem ich so einiges über Nüsse lernen konnte, auf dem ich aber vor allem zum ersten Mal Quad fuhr, was total lustig war. Auf dem Fest der Pruneaux habe ich mich mit meiner Gastmutter und Freundinnen im "Pruneauxkern-Hochspucken" geübt. Gegen unsere Erwartungen fing dieses Hochspucken nicht etwa auf unserer Höhe (kleinen 1,60 m) an, sondern gleich bei zwei Metern! Wir haben das natürlich nicht geschafft – schon allein deswegen nicht, weil wir einfach zu sehr lachen mussten. Aber immerhin haben wir einen tollen, lustigen Nachmittag verbracht, auch wenn ich danach keine Pflaumen mehr sehen konnte!

Typisch französische Feste

Wir besuchten noch viele andere Feste, auch viele mit Jahrmarktattraktionen, was natürlich ebenfalls Spaß gemacht hat. Ich habe auch gelernt, wie eine Palombier funktioniert, eine Jagdhütte, um taubenähnliche Vögel anzulocken und zu schießen. Außerdem haben wir ein Schloss besucht und sind in den Pyrenäen Ski gefahren. Mit meiner Gastmutter und ihren Freundinnen war ich in der Disko, mit meinem Gastvater bin ich Go-Kart gefahren. Wir haben sogar einmal einen Rundflug über die Region unternommen und dabei unser Haus von oben gesehen. Natürlich haben wir auch größere Städte wie Toulouse, Bordeaux und, in den Weihnachtsferien, Paris besucht. So habe ich den Eifelturm gesehen und eine Fahrt auf einem Bateau Mouche auf der Seine erlebt. Mit meiner Gastfamilie habe ich noch viel, viel mehr unternommen, aber ich habe gar nicht genug Platz, all das zu schreiben.

Ich habe im Frankreich unheimlich viel gelernt

Ich weiß ganz sicher, das dieses halbe Jahr das beste meines Lebens war und ich sehr viel gelernt habe! Sei es, dass ich jetzt weiß, wie man ein Kind wickelt, wie man Kart fährt oder wie man mit Gehörlosen umgeht. Und natürlich habe ich Frankreich und die französische Kultur kennen und lieben gelernt. Ich freue ich mich schon darauf, in den kommenden Ferien meine französische Familie endlich wiederzusehen!

Pascale Besslich aus Lauf, Austauschschülerin in Pailloles, im 1. Schulhalbjahr 2007/2008