155 Tage in einer der kältesten Städte der Welt

Ob das wohl gut geht? Ja es ging, und zwar unglaublich gut! Am 3. September hieß es für mich endlich „Goodbye Germany“ und „Hello beloved Canada!“

Meine Familie begleitete mich bis zum Düsseldorfer Flughafen, von wo die Reise nach Winnipeg über Frankfurt und Toronto begann. Schon bei der Sicherheitskontrolle entdeckte ich ein anderes Mädchen in dem blauen ICX-T-Shirt, sodass wir unser Abenteuer zusammen starten konnten. Bevor es über den „großen Teich“ ging, sind noch vier weitere ICXler zu uns gestoßen und nach acht Stunden standen wir zum ersten Mal auf kanadischem Boden. Was für ein Gefühl! War ich vorher noch ein wenig traurig über den Abschied von Familie und Freunden, so war ich spätestens jetzt nur noch von Vorfreude erfüllt. Da es auch beim anschließenden Umsteigen keine Probleme gab, bin ich dann nach rund 20 Stunden endlich in meiner neuen Heimat Winnipeg gelandet.

Meine Gastmutter Wanda und ihre beiden Kinder Faith (12) und Peter (6) holten mich am Flughafen ab. Nach einer herzlichen Begrüßung ging es erst mal zum Pizzaessen. Am Anfang habe ich fast nichts verstanden, da die Müdigkeit kombiniert mit Glückseligkeit und Aufregung eben eine ganz besondere Mischung war. Doch das änderte sich schnell. Zu Hause warteten dann noch mein chilenischer Gastvater Pedro und unser Hund Blondie auf uns.

Das erste Wochenende ging sehr schnell vorüber. Mal lagen wir am Strand des Winnipeglakes, ein anderes Mal machte mich meine Gastfamilie mit der näheren Umgebung und vor allem mit meinem Schulweg bekannt. Der war nicht wirklich anspruchsvoll, da ich nur einer Straße folgen musste und schon nach fünf Minuten auf dem Schulhof stand. Auch habe ich gleich eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio beantragt, das glücklicherweise ganz in der Nähe lag. Nach diesen ersten Tagen fühlte ich mich schon wie ein Familienmitglied. Es war einfach wunderbar, wie nett alle zu mir waren.

Wo kommen die ganzen „Internationals“ her?

An meinem ersten Schultag gab es eine allgemeine Einführung für die Internationals. Dabei handelte es sich um insgesamt 26 Austauschschülerinnen und -schüler, die so wie ich an dieser Schule waren. Im gesamten Schuldistrict gab es sogar 125 solcher jungen Leute. Die Einführung war sehr hilfreich, da wir dadurch bestens für den ersten richtigen Schultag gewappnet waren. Die folgenden Schultage sahen dann in etwa so aus:

Um 8.25 Uhr begann der Unterricht mit dem Anhören der Nationalhymne „Oh Canada“. Anschließend folgten wir folgender Stundenaufteilung: 8.27 – 9.32 Uhr: Geschichte, 9:37 – 10.49 Uhr: Drama, 10.54 – 12.01 Uhr: Mathe, anschließend 55 Minuten Mittagspause, in der wir entweder in der Kantine aßen oder uns mit Freunden unterhielten. Danach gab es noch Französisch- und Englischunterricht. Der Schultag endete um 15.15 Uhr. Die Fächer und das Leistungsniveau konnte ich ziemlich frei wählen.

French Immersion – ich habe es einfach gewagt

An meiner Schule, dem Miles Macdonnel Collegiate, gab es eine Besonderheit: die French Immersion. Wer wollte, konnte alle Fächer in französischer Sprache belegen. Auch wenn ich vorher ein wenig Angst hatte, dass ich nicht genügend verstehen würde, habe ich den Schritt gewagt. Das bedeutete, dass die Fächer Geschichte, Mathe und Französisch in der zweiten offiziellen Landessprache unterrichtet wurden. Es war dann gar nicht so schwierig wie befürchtet.

Obwohl wir Austauschschüler fast alle eine Stufe höher eingeordnet wurden, hatten wir generell wenig schulische Probleme. Der Unterricht ist ähnlich wie in Deutschland aufgebaut. Der einzige große Unterschied ist, dass es mitten im Schuljahr keine Klausuren gibt. Dafür wird am Ende eines jeden Semesters ein Examen abgelegt. Dabei wird dann der gesamte Stoff der letzten Monate auf einmal abgefragt, was sich aber auch schlimmer anhört, als es eigentlich ist.

Freunde gesucht – und gefunden!

Kurz nach meiner Anreise erwarteten wir meine brasilianische Gastschwester Renata. Meine Gastfamilie nimmt nämlich jedes Jahr zwei Austauschschülerinnen auf und somit hatte ich plötzlich eine gleichaltrige Schwester. Renata und ich waren von Grund auf verschieden und nicht selten gab es kleine Meinungsverschiedenheiten.

Die ersten Wochen vergingen wie im Fluge. Ich war sehr schnell in meine Gastfamilie integriert, habe aber auch viel eigenständig unternommen und Freunde gefunden. Dabei stellten wir fest, dass es sehr schwer ist, kanadische Freunde zu finden, wenn man umgeben ist von Austauschschülern, die das gleiche „Schicksal“ teilen. Nicht, dass die Kanadier unfreundlich waren, ganz im Gegenteil. Irgendwann ist mir klar geworden, dass ich nicht in Kanada bin, um die ganze Zeit nur mit deutschen Austauschschülern zu sprechen. Also habe ich kurzerhand im Internet nach einer Jugendgruppe recherchiert.

Gesucht, gefunden: Ab Ende Oktober ging es dann ein bis zwei Mal die Woche zu einer Youthgroup in einer nahelegenden Kirche. Die Gottesdienste am Sonntag waren übrigens auch typisch kanadisch, das heißt sehr locker, offen und mit viel Gesang. Die Leute dort waren super nett und wir hatten eine Menge Spaß. Außerdem habe ich im Fitness-Studio eine Kanadierin kennengelernt, die mich in ihre Basketballmannschaft mitgenommen hat. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auch in unserer Schulmannschaft zu spielen, doch nachdem bei den Tryouts angekündigt wurde, dass wir sechs Mal die Woche trainieren, habe ich dann doch dankend abgelehnt. Die zahlreichen Sportevents habe ich mir aber trotzdem nicht entgehen lassen und gegen ein wenig Taschengeld habe ich sogar Scorekeeping gemacht.

Wunderbare (Gast)Familie

Trotzdem blieb immer noch viel Zeit für meine Gastfamilie. Nach der Schule habe ich meistens mit meinem kleinen Bruder gespielt oder Hausaufgaben gemacht. Ziemlich zeitig – um 17.30 Uhr – gab es schon Abendessen. Da kam die ganze Familie zusammen und wir haben uns immer lange unterhalten. Leider waren meine Gasteltern sehr in ihre Arbeit eingebunden, sodass wir nicht so viel gemeinsam unternehmen konnten wie ich mir gewünscht hatte.

An Halloween aber waren wir zum Beispiel bei mehreren Partys und sogar im Zoo, der gruselig geschmückt war. Dieser Abend war unvergesslich! Auch Weihnachten war schön, wenn auch so ganz anders als zu Hause. Heiligabend waren wir zunächst bei Verwandten. Dann ging es früh nach Hause, um Möhren für Rudolf und Kekse für Santa Claus rauszustellen. Auch haben wir natürlich die Stockings (Strümpfe) aufgehängt. Am 25. Dezember weckte mich mein Gastbruder morgens sehr früh. Noch im Schlafanzug haben wir all unsere Geschenke ausgepackt. Anschließend wurde gefrühstückt und jeder konnte tun, was er wollte. Abends kamen Verwandte zum Abendessen.

Der zweite Weihnachtstag – auch Boxing Day genannt – war nicht zu vergleichen mit unserem deutschen Fest. Um sechs Uhr morgens standen wir vor dem ersten Geschäft. Bis 17 Uhr waren wir shoppen und es sah so aus, als ob ganz Winnipeg im „Schnäppchenrausch“ war. Anschließend waren wir im Royal Winnipeg Ballett und haben uns alle zusammen den „Nussknacker“ von Tschaikowsky angeschaut. Silvester waren wir im Dinner Theater mit anschließender Disko.

Und die Sprache?

Das mit dem Englischen lief nach ein paar Wochen wie am Schnürchen. Zwar bin ich auch jetzt nicht perfekt, doch kann ich fast alles verstehen und fließend sprechen. Mehr Verbesserungen hätte es wohl gegeben, wenn meine beste Freundin in Kanada nicht aus Deutschland gewesen wäre und alle meine Fächer auf Englisch gewesen wären. Dafür hat sich aber mein Französisch deutlich verbessert.

Am liebsten würde ich direkt zurückfliegen

Ich könnte jetzt problemlos noch zahlreiche Seiten mehr schreiben, doch ihr sollt ja nur einen kleinen Eindruck bekommen. Meine Zeit in Winnipeg war wunderschön und im Nachhinein würde ich nichts anders tun, außer vielleicht die deutsche Sprache weniger zu benutzen und mindestens für zehn Monate zu bleiben. Die Kanadier, die ich kennenlernen durfte sind sehr herzlich und äußerst hilfsbereit. Am liebsten würde ich direkt zurückfliegen, doch das muss leider noch bis zum nächsten Sommer  warten.

Ach und fast hätte ich es vergessen: In Winnipeg liegt von Oktober bis März Schnee und die Temperatur sinkt manchmal auf minus 30 Grad und darunter. Daran gewöhnt man sich aber schnell und wenn man sich vernünftig anzieht, ist alles paletti.

Liebe Grüße und alles Gute für eure Zeit im Ausland!

Eure Leonie

Leonie aus Nordrhein-Westfalen war mit ICX als Austauschschülerin in Winnipeg, Kanada.